»Der Chor ist eine Frucht am Gemeindebaum«

Chorgesang im neuapostolischen Gottesdienst
"Ich habe bis jetzt für die Gesangchöre noch keine Anweisungen gegeben, aber es ist zur Notwendigkeit geworden […] Ein Gesangchor darf nur mit der Genehmigung des Apostels gegründet werden. Die Gemeinde soll wenigstens 150–200 Seelen stark sein […] Ist diese Genehmigung erteilt, darf sich der Dirigent erst die Stimmen aussuchen […] Bei der Auswahl der Stimmen ist darauf zu achten, dass ehrbare Personen ausgesucht werden, denn der Chor ist eine Frucht am Gemeindebaum". (1)

Dieses Zitat aus einem 1912 an die Gemeindevorsteher gerichteten Brief des späteren Stammapostels Johann Gottfried Bischoff ist in mehrerer Hinsicht aufschlussreich: Auch Jahrzehnte nach Entstehung der Neuapostolischen Kirche war der im Gottesdienst singende gemischte Chor keinesfalls die Regel. Es gilt allerdings als gesichert, dass die größeren Gemeinden zum Beispiel in Berlin oder Stuttgart bereits um 1910 über gemischte Chöre verfügten. (2) In den vielen kleineren Gemeinden oder den sogenannten Stationen (3) mit geringer Mitgliederzahl blieb das gottesdienstliche Singen zunächst auf die Gemeinde beschränkt, oftmals ohne jede instrumentale Begleitung. Manchmal führte ein Vorsänger den Gesang.

In seinem Brief macht Bezirksapostel Bischoff die Gründung neuer Chöre von einer Gemeindegröße abhängig, die uns heute erstaunt. Geht man in diesem Zusammenhang vom gesamten Charakter des Briefes aus, dann finden sich durchaus Gründe für dieses eher zögerliche, einschränkende Vorgehen.

Zunächst gab es innerkirchlich unterschiedliche, oft auch unbestimmte Vorstellungen über die Rolle des gottesdienstlichen Chorgesangs. Gleichzeitig gingen die Apostelbereiche, nicht zuletzt die Gemeindechöre und ihre Dirigenten, konzeptionell und inhaltlich oft eigenständige, ja eigenwillige Wege, insbesondere auch in der Wahl und Verbreitung der Lieder. Die Anweisung am Schluss des Briefes, externes Liedgut – Lieder also, die nicht im offiziellen Notenbuch enthalten waren – zur Prüfung und zur Genehmigung vorzulegen, war der Versuch zu ordnen und bei der wachsenden Zahl an Chören der Beliebigkeit im Chorrepertoire entgegenzutreten.

In Berlin war es zehn Jahre später Bezirksapostel Martin Lax, der aus diesen Gründen eine erste Berliner Chormappe anregte. Unter Federführung des Komponisten Max Hölting erschien sie 1924 als für Berlin offiziell autorisierte Sammlung, vorwiegend mit Chorsätzen neuapostolischer Komponisten. Dieser Prototyp einer erweiterungsfähigen Chormappe (Klemm-Mappe) strahlte in alle Apostelbezirke aus. Lieder aus der Berliner Chormappe verbreiteten sich bis in den süddeutschen Raum. (4)

Das flexible Berliner Konzept wurde in weiten Teilen Deutschlands nachgeahmt und bis zur Einführung einer gesamtkirchlichen Lösung in Form einer einheitlichen Chormappe praktiziert. Noch bis in die Kriegsjahre hinein wurden die vorhandenen Bestände an Liedern laufend ergänzt oder erneuert. Es entstanden in Qualität und Umfang "… bunte Liedersammlungen" (5), die "… mehrfach umsortiert werden mussten" (6), weil z. B. Lieder ausgewechselt oder ganz herausgenommen wurden. Diese individuellen Sammlungen blieben neben dem Gesangbuch Grundlage und Rüstzeug der Chöre bis weit über die Nachkriegsjahre hinaus.

Fügt man diese Vorgänge zusammen, spürt man das starke Bestreben, sich bei der wortgebundenen Musik von der Kantoren- und Choraltradition der großen Kirchen zu lösen. Ein eigenständiger Weg und Ausdruck war das Ziel: statt der Übermacht des Chorals das einfache, melodisch einprägsame Lied mit volkstümlicher Wirkung, statt alter Texte solche, die die Sendung der Apostel betonen, die Weltabgewandtheit und die Naherwartung der Kinder Gottes. Dieses Bemühen schlug sich in Aufrufen an dichterisch und musikalisch begabte Glaubensgeschwister nieder, Liedtexte und Vertonungen anzufertigen, "… aus unserem Geist herausgeboren". (7)

Man kann davon ausgehen, dass dies in manchen Apostelbereichen zu einer Flut an neuen Texten und Liedern führte. Es wurde genehmigt und abgelehnt, aber die Entscheidungsprozesse einheitlich zu gestalten, war schwierig. Ein gewisses Bewusstsein für das dem Gottesdienst angemessene Singen musste sich erst entwickeln in der noch jungen Kirche, die der alten Liturgie abgeschworen hatte und nun in einer neuen, freieren Form Gottesdienst feierte. Diese Loslösung von einer strengen, festgelegten Liturgie führte dazu, dass die musikalischen Inhalte des Gottesdienstes einer gewissen Beliebigkeit ausgesetzt waren. Die Lieder des Chores betrachtete man mehr und mehr als verschönernden, emotionalen Part des Gottesdienstes. Dies ist heute noch spürbar.

Das Ringen um eine eigene musikalische Identität der Gemeindechöre dauerte bis in die 1970er-Jahre hinein und war doch immer ein Kompromiss: der Versuch, Altes und Neues, erhebende Gefühle und stille Nachdenklichkeit zu verbinden. So steht dem Kunstvollen das Schlichte gegenüber, dem Allgemeinen das spezifisch Neuapostolische. In diesem Zusammenhang gewannen die Gesangbücher der Neuapostolischen Kirche eine große Bedeutung für die Entwicklung des chorischen Singens.

…das Beste vereinigen – das erste Gesangbuch für die katholisch-apostolischen Gemeinden
Die 1863 vollzogene Abtrennung der Hamburger Gemeinde von der katholisch-apostolischen Bewegung hatte zunächst auf die gottesdienstliche Gestaltung kaum Auswirkungen. Singen war immer noch zuallererst Sache der Gemeinde, war Lobpreis Gottes, Bestätigung und Bekenntnis aller. Gemeindegesang und Chor – so verfügbar – waren nicht bloß Bindeglied und Füllung des gottesdienstlichen Ablaufs, sondern auf intensive Weise Beteiligte der Liturgie: "…wie der Gottesdienst nicht nur von einem Chor, sondern von der ganzen Gemeinde gefeiert wird, so muss der Kirchengesang der Art sein, dass auch die Gemeindemitglieder ihren gebührlichen Anteil daran nehmen können". (8)

Das von Ernst Adolf Roßteuscher 1859 herausgegebene "Hymnologium" war ein erster Schritt, für den Gesang in den katholisch-apostolischen Gemeinden ein Buch zur Verfügung zu stellen. Die offizielle Ausgabe 1864 enthielt 342 Lieder für den gottesdienstlichen Gebrauch. Unter dem Titel "Hymnologium. Eine Sammlung der besten Lieder und Lobgesänge aus allen Jahrhunderten der Kirche. Mit beigefügten Melodien" hatte sie nachhaltig Einfluss auf das Singen in den apostolischen Gemeinden. (9)
In der Vorrede zu diesem Gesangbuch zeigt sich ein ausgeprägt ökumenischer Gedanke im Verständnis gottesdienstlichen Musizierens: "Während die meisten geistlichen Liederbücher nicht umhin können, entweder einen streng confessionellen oder einen ganz unkirchlichen Charakter zu tragen, so tritt hier eine Sammlung auf, welche in mäßigem Umfange das Beste vereinigen wollte, was die christlichen Jahrhunderte und Parteien bis auf unsere Tage hervorgebracht haben". (10) Es wird dem Christen ein Gesangbuch in die Hand gelegt, "… das aufgehört hat, bloß confessionell zu sein". (11)
Damals verstanden die katholisch-apostolischen Christen unter ,Kirche’ die Gemeinschaft aller Gläubigen als Leib Christi […] Sich selbst sah man nicht als Konfession, sondern als eine Konfessionsgrenzen überwindende Bewegung. (12) Es ist jener Gedanke, der sich im neuapostolischen Katechismus 2012 wiederfindet: Das Bild von der Kirche als Leib Christi hat eine zentrale Stellung. Es wird […] auf diejenigen bezogen, die durch Taufe, Glauben und Bekenntnis zu Jesus Christus gehören. (13) Deshalb war es nur folgerichtig, dass Kernlieder der verschiedenen Konfessionen in das Gesangbuch Eingang fanden. Gleichzeitig zeigen die Gesänge und Lieder eine gewisse stilistische Bandbreite, ergänzt durch ursprünglich lateinische und griechische liturgische Texte in deutscher Übersetzung.
In einer Anleitung, enthalten im sogenannten Rubrikenbuch (14), wird die Vorrangstellung des Gemeindegesangs betont. Allerdings lassen sich auch erste Impulse und Entwicklungen erkennen, diesen durch einen Chor zu ergänzen, nicht aber zu ersetzen: Zunächst gehört der Gemeinde die Rezitation der gewöhnlichen Responsorien (15) und der Glaubensbekenntnisse; weiterhin auch der Gesang der Psalmen und Hymnen. Auch die regelmäßig wiederkehrenden Gesänge […] sollten vorzugsweise durch die Gesangsfähigen der Gemeinde vorgetragen werden, während die zum Singen Unfähigen die Worte nur mitlispeln müssen […] Bei feierlichen Gelegenheiten mag diese Regel dahin beschränkt werden, dass auch jene Gesänge dem Chor überlassen und eine die Kräfte des allgemeinen Gemeindegesangs übersteigende, mehr figurierte Musik gewählt werde. (16)
Mit der Abspaltung von der katholisch-apostolischen Kirche 1863 begann – dies zeigt sich beispielhaft am gottesdienstlichen Singen – eine Phase des Übergangs, aber auch des Umbruchs. In der neuen Religionsgemeinschaft blieb das gottesdienstliche Musizieren weitgehend der geschilderten Tradition verpflichtet. Allerdings deutet sich in einem Andachtsbuch aus dem Jahr 1864, von Apostel Louis Stechmann in Umlauf gebracht, eine Öffnung an, hin zum Chor als eigenständiges Element der Gottesdienstgestaltung. Neben einem Weihegebet für Sänger und Organisten enthält das Andachtsbuch u. a. Gedanken zum Wesen der Musik im Gottesdienst und zur Rolle der Chorsänger. Sie werden als Diener und Dienerinnen bezeichnet, die zur Ehre Gottes singen und zur Erbauung aller. (17) Das Andachtsbuch bietet Choraltexte für den Gemeindegesang, nicht mehr nur liturgische Gesänge. Die Texte sind weitgehend den Gesangbüchern der evangelischen Landeskirchen entlehnt. Gleichzeitig liegt die Vermutung nahe, dass in den Gottesdiensten da und dort aus den Gesangbüchern der evangelischen Kirche gesungen wurde. (18)
Die neue Ordnung und das Ende liturgischer Gesänge
Für den Betrachter stellt sich die Kirche neuer Ordnung, wie sie häufig umschrieben wird, zunächst uneinheitlich dar. Der Gebrauch der überlieferten Liturgie lag meist in der Verantwortung des jeweiligen Apostels, ebenso die musikalische Ausgestaltung, die nicht mehr nur der Liturgie diente, sondern die Predigt auf gesungene Weise ergänzte oder bestätigte. Die freie Predigt als vom Geist inspiriertes Wort gewann an Bedeutung und in vielen Gemeinden wurden Kirchengewänder und äußere Zeichen der Heiligkeit (Weihrauch u. a.) abgeschafft. Die liturgischen Gesänge selbst wurden um 1885 endgültig von Chorälen und Kirchenliedern abgelöst. Diese Weichenstellungen waren es, von denen aus sich die gemischten Chöre entwickelten, wie wir sie heute vom Gottesdienst her kennen. In gleichem Maße nahm die ursprüngliche liturgische Bedeutung des Gemeindegesangs ab, zumal die Chorgründungen oft einhergingen mit der Entstehung von Instrumentalensembles wie Posaunenchöre, die zum Teil als Orgelersatz dienten.

Ein Gesangbuch für alle als Lehrwerk eines zeitgemäß geoffenbarten Glaubens
Die Geschichte eines einheitlichen Gesangbuchs in der Neuapostolischen Kirche begann 1898. Es erschien unter dem Titel Apostolisches Gesangbuch nebst einer kurzen Anleitung für den Gottesdienst. (19) (Das von Bezirksapostel Bischoff in seinem eingangs zitierten Brief erwähnte Notenbuch ist eine revidierte Fassung dieses ersten Gesangbuchs der Neuapostolischen Kirche.) Das Vorwort erklärt die Absicht dieser Sammlung aus Liedern und gottesdienstlichen Unterweisungen. Es sollte ein Buch sein, das dem zeitgemäß geoffenbarten Glauben an die Sendung unseres Herrn Jesus Christi in seinen gesandten Aposteln entspricht. (20)
Im vierten Teil des Apostolischen Gesangbuchs, überschrieben mit „Allgemeine Gesänge“, vollziehen sich sowohl in inhaltlicher als auch musikstilistischer Hinsicht einschneidende Veränderungen: Es sind nicht mehr die Kernlieder der großen Kirchen, die in Qualität und Quantität den Gemeinde- und Chorgesang bestimmen, sondern die Empfindungs- und Erweckungslieder des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus enthält dieses Gesangbuch aktuell entstandene Texte und Chorsätze, die allerdings zum Teil keinen Bestand hatten. (21) Die mehr als 200 Lieder in diesem vierten Teil des Gesangbuchs wurden im Wesentlichen den damals vorhandenen Liedsammlungen freikirchlicher bzw. evangelikaler Gemeinschaften entnommen, allerdings oft umgestaltet, umgedichtet oder mit komplett neuen Texten versehen.
Die vierstimmige Notenausgabe der Auflage von 1906 enthält 522 Lieder, davon sind etwa 90 aufgrund ihrer melodischen und rhythmischen Eigenheiten für den Chor-, aber nicht für den Gemeindegesang geeignet. Von über 200 Liedern ist nur der Text abgedruckt mit entsprechendem Verweis. Diese Notenausgabe erscheint aus heutiger Sicht gestalterisch und vor allem urheberrechtlich unzulänglich: Sie enthält weder Quellenangaben noch werden – bis auf wenige Ausnahmen – die Komponisten und Dichter genannt. Trotzdem wurde die Notenausgabe mit ihren rund 300 vierstimmigen Sätzen zunächst zum Basisrepertoire vieler neuapostolischer Chöre, erinnert sei an Lieder wie „Der Herr ist mein Licht“, „Lasst unser Loblied steigen“ oder „Hinauf auf Zions Höhen“. Allerdings löste sich die Kirche mit diesem Gesangbuch musikalisch nachhaltig von ihrem bisher aufrechterhaltenen ökumenischen Kontext, nicht zuletzt auch vom tradierten Liedgut der großen Kirchen.
Volkston und Marsch – Emmanuel Gohle setzt Zeichen
Beispielhaft zeigt sich der Einzug des Volkstons und der Empfindungs- und Erweckungslieder in das Repertoire der neuapostolischen Chöre am Wirken Emmanuel Gohles (1867–1937). Er war Berufsmusiker, wirkte an einem Konservatorium und war musikalisch umfassend ausgebildet. Gohle wurde 1897 neuapostolisch und erhielt u. a. von Stammapostel Krebs den Auftrag, durch Chorkompositionen zu einem eigenständigen neuapostolischen Liedgut beizutragen. Gohle wuchs Ende des 19. Jahrhunderts auf – in einem national und kaisertreu sich gebärdenden Bürgertum, das sich musikalisch in einem ausgeprägten Spannungsfeld bewegte: Auf der einen Seite gewann die gesellig-unterhaltende Musik – so z. B. in den Gesangsvereinen und Liedertafeln – immer mehr an Bedeutung, deutlich davon geschieden auf der anderen Seite die ernste Musik, die an den überkommenen künstlerischen Maßstäben festhielt. Gohles Stil orientierte sich eher am Volkston und der Klanglichkeit der Erweckungslieder. Er wählte vorwiegend gefühlvolle Texte, durchdrungen von pietistischer oder auch schwelgerischer Frömmigkeit. Es sind manchmal eigene Texte, häufig aber Übersetzungen von Liedtexten englischer oder amerikanischer Autoren.
Die meisten Gedichte, die Gohle vertonte, atmen ganz den Geist der Erweckungsbewegung. So goss er z.B. die drei Strophen des Gedichts "Halleluja, Jesus führt mich" (22) in eine musikalische Form, die beides vereint: das Sentimental-Idyllische (im Sopransolo) und das Entschiedene, Mitreißende im Marschrhythmus des Liedanfangs. Harmonisch beschränkte sich Gohle fast ausschließlich auf die Hauptdreiklänge der Tonart. Seine Melodien sind übersichtlich gegliedert, volkstümlich anmutend und vor allem einprägsam (vgl. die Terzen- und Sextenhäufung in "Neunundneunzig Schafe"). (23) Das Gefühlvolle und die melodisch-harmonisch runden und ausgewogenen Verläufe machten diesen Liedtypus zum lange bevorzugten der neuapostolischen Liedsammlungen. Es sind Lieder, die den oft bescheidenen stimmlichen Möglichkeiten des kleinen Gemeindechors entgegenkamen. Gohle schrieb und bearbeitete über 50 Lieder für das Gesangbuch und die Chorbücher. Seine wichtigste Schaffensperiode fiel in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
Um dem gegenwärtigen Erkenntnis- und Glaubensstande gerecht zu werden – das neuapostolische Gesangbuch von 1909
Noch während der ersten prägenden Schaffensphase Gohles traf die Apostelversammlung eine wichtige Entscheidung: Nachdem 1906 eine weitere Auflage des Apostolischen Gesangbuchs erschien, wurden die Rufe nach einer Revision immer lauter, zumal das Angebot an ausgewiesener Chorliteratur eher dürftig war. So beschloss 1908 die Apostelversammlung die Herausgabe einer grundlegend revidierten Fassung des Gesangbuchs. Die Textausgabe erschien 1909, die Notenausgabe ein Jahr später. Erstaunliches hatte sich zugetragen: Das Gesangbuch in der vorliegenden Form war zunehmend auf innerkirchliche Kritik gestoßen aufgrund vieler Fehler und Mängel. Darüber hinaus gab es von den anderen Kirchen und Gemeinschaften hämische Kommentare angesichts oft unerträglich schlechter Texte und Sätze.
Was sich im Hintergrund abspielte, lässt sich einem mutigen Artikel entnehmen, der in der Neuapostolischen Rundschau 1909 erschien: Doch da unser jetziges Buch infolge der vielen Fehler fortwährend Anstoß beim Gemeindegesang gibt, auch der Inhalt der Lieder dem Erkenntnisstande im Glaubensleben der Gemeinden nicht mehr gerecht werden kann, wurde von der Apostelversammlung beschlossen, […] sogleich an die Bearbeitung des neuen Gesangbuches zu gehen […]. Zudem nutzten und nützen heute noch unsere Feinde den Inhalt des Gesangbuches zu heftigen Angriffen gegen die Gemeinde aus. (24)
Gemeindelieder – dies spiegelt sich hier eindrucksvoll wieder – sind vorrangig Gebrauchsmusik und das, was dem streng traditionsorientierten Christen bis heute anstößig erscheint, wurde nun in fast provozierender Weise vollzogen, wenn es im Begleitwort zur Textausgabe heißt: Eine ganze Reihe von unpassenden und ungern gesungenen Liedern wurde ausgeschieden […] weiter auch eine Anzahl überlanger Lieder, dem praktischen Bedürfnis im Gemeindedienste entsprechend, erheblich gekürzt und aller Inhalt einer Läuterung unterzogen, um dem gegenwärtigen Erkenntnis- und Glaubensstande der Gemeinden im Werke Gottes […] gerecht zu werden. (25) Für die Chöre verbesserte sich mit diesem neuen Gesangbuch einiges: Ein Anhang mit 50 Liedern sollte da Ersatz schaffen, wo Chöre noch nicht über Liedmappen verfügten. Darüber hinaus wurde ein gewisser Maßstab angedeutet für das, was Chorgesang sein kann: Wir haben in diesen Chorstücken […] schwierigere Kompositionen zugelassen, um auch Dirigenten wie Chören Gelegenheit zu geben, sich weiter fortzubilden und einer höheren Stufe in der edlen Gesangskunst nachzustreben. (26)
Die inhaltliche Nähe zum ersten neuapostolischen Gesangbuch wurde trotz der Reformbemühungen nicht aufgegeben. Der stilistische Mix von Chorälen und Erweckungsliedgut wurde […] weiter geführt. (27) Das Bestreben, die Chorarbeit und Dirigentenausbildung zu fördern und zu unterstützen, wird auf den letzten Seiten der Notenausgabe unterstrichen: Neben einem knappen Grundriss der Notenlehre finden sich dort auch Ausführungen zur Dirigiertechnik. (28) Ergänzend dazu erschienen zwischen 1912 und 1913 in der Neuapostolischen Rundschau unter der Rubrik Sängertempel fachlich fundierte Artikel zu Fragen des Singens (z.B. Aussprache, Tonbildung) und der Chorarbeit im Allgemeinen. (29) War es ein wehmütiger Blick zurück oder sollte es der Impuls sein, jene musikalischen Elemente wieder zu beleben, die der katholisch-apostolischen Liturgie ihre Spannung und Ausdruckstiefe gaben? Jedenfalls enthält die Notenausgabe von 1910 noch zwölf liturgische Gesänge, die bei Bedarf und nach Belieben in den Gottesdiensten Anwendung finden können, wenn es die geistige Stimmung erfordert oder ein kurzer Zwischengesang angebracht ist. (30)
Lieder, die unserem Glauben und Hoffen gemäß sind – ein Gesangbuch wird 80 Jahre alt
Hatte die Gesangbuchausgabe 1909/1910 noch versucht, den Chören durch eine Sammlung ausgewählter und auch anspruchsvoller Chorsätze ein einheitliches Grundrepertoire zur Verfügung zu stellen, so wurde mit dem Gesangbuch von 1925 dieser Gedanke wieder fallengelassen. Als es erschien, ahnte wohl niemand, dass aus diesem Gesangbuch die Gemeinden 80 Jahre lang singen würden. Aus dem Gesangbuch 1910 wurden etwa 400 Lieder übernommen, die anderen stammten größtenteils aus der evangelikal gestimmten Sammlung Reichslieder und den damals aktuellen evangelischen Gesangbüchern. Nur wenige Lieder gehen auf neuapostolische Autoren zurück. Mit insgesamt 652 Liedern im vierstimmigen Satz war es ein Gesangbuch für den Gemeinde- und Chorgesang gleichermaßen. (31) Gerade den kleinen Chören bot es einfache, vierstimmige Sätze mit wenig Lernaufwand.
Doch längst hatten sich in den Chören auch die eingangs erwähnten Chormappen etabliert, jene bunten Liedersammlungen, die in Inhalt und Ausdruck oft Lieder enthielten, die musikalisch, sprachlich oder auch theologisch kaum vertretbar waren. 1938 reagierte der Verlag Friedrich Bischoff darauf mit der Initiative einer ersten offiziellen Einheitsmappe, deren Lieder zunächst einzeln bezogen werden konnten (Frankfurter Liste). Dieses Projekt setzte sich nur sporadisch durch. Trotzdem begann mit ihm eine neue, auch aus rechtlicher Sicht angemessene Editionspraxis, die nach 1945 fortgesetzt wurde.
Die endgültige Einführung einer offiziellen neuapostolischen Chorliedsammlung begann 1971. Diese wurde in den folgenden Jahren durch Nachträge bis zur Liednummer 400 ergänzt. Was zunächst als flexible Loseblattsammlung begann, mündete schließlich in eine gebundene Ausgabe, die sich in den Chören weitgehend durchgesetzt hat. Diesem Gedanken ist auch das neue, nun vorliegende „Chorbuch für den neuapostolischen Gottesdienst“ mit seinen 464 Liedern gefolgt.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass der neuapostolische Chorgesang vor allem zwischen den beiden Weltkriegen und auch in der Aufbruchstimmung der 1950er- und 60er-Jahre eine ungewöhnliche Blüte erlebte. Besonders in den großen Zentren und Gemeinden entstanden Chöre mit oft mehr als hundert Mitwirkenden, Chöre ohne Nachwuchssorgen. Singen war trotz bedrängter und oft angefochtener Gemeinden für unsere Schwestern und Brüder ein erfüllendes, Mut machendes Tun. Es war eine Gemeinschaft ohne mediale Ablenkung und Inanspruchnahme. Im Chor zu singen war Ausdruck eines starken neuapostolischen Selbstverständnisses. Eindrucksvolle Chorauftritte außerhalb der Gottesdienste, Sängerfeste und Chorausflüge sorgten für Öffentlichkeit. Das gemeinsame Singen war in der knappen Freizeit, die den Menschen damals zur Verfügung stand, ein kraftvolles Zeichen der Glaubensfreude und Hoffnung. Auch in dunklen und schweren Stunden ist das Singen in den Gemeinden und Chören nie verstummt. Lob sei dir auch unter Tränen – diese Haltung der oft schwer geprüften Schwestern und Brüder im Glauben verdient bis heute Bewunderung. (32)
Seither haben sich unsere Lebensgewohnheiten, das gesellschaftliche Umfeld und die Rolle des kirchlichen Lebens nachhaltig verändert. Es gilt jedoch die ursprüngliche Bedeutung gemeinsamen Singens im Gottesdienst zu bewahren: Es war, ist und bleibt Anbetung, Lobpreis Gottes und Quelle des Trostes.
Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. (Psalm 34,2)
Autor: Eberhard Koch / UG Chorliteratur 2013
Dieser Aufsatz ist gleichlautend im Chorbuch für den Neuapostolischen Gottesdienst als Nachwort abgedruckt.
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1 J. G. Bischoff, Brief an die Harmoniumspieler, Dirigenten und Chöre, Frankfurt, August 1912 (der Brief liegt als Kopie vor)
2 75 Jahre Berliner Schulchöre, Berlin, 1999, Anhang S. 69
3 Kleinste, neu gegründete Gemeinden, die noch über keine eigene Kirche oder eigene Amtsträger verfügten (s. Notiz aus der Zeitschrift „Der Herold“ in: Chronik der Gemeinde Ulm-West, Ulm, 1990. S.21 f.)
4 a.a.O., S. 9
5 a.a.O., S. 71
6 a.a.O., S. 71
7 75 Jahre Berliner Schulchöre, a.a.O., S. 49
8 Ludwig Albrecht, Abhandlungen über die Kirche, Ökumenische Texte und Studien Nr. 42, hrsg. vom Schweizerischen Diakonieverein Rüschlikon, 5. Auflage, S.110
9 Hymnologium. Eine Sammlung der besten Lieder und Lobgesänge aus allen Jahrhunderten. Neuausgabe der 1. Ausgabe Berlin, 1859 (hrsg. von Andreas Ostheimer, Nürtingen, 2007, S.203 ff.)
10 Ernst Adolf Roßteuscher (Hg.), Hymnologium, Berlin, 1859, S. II
11 a.a.O., S. II
12 Dietmar Korthals, Hör ich hier der Andacht Lieder. Ein Einblick in die apostolische Musikgeschichte. S. 2, Anm.: Die Ausarbeitung des Autors ist Zwischenstand einer breit angelegten Forschungsarbeit
13 Katechismus der Neuapostolischen Kirche, Frankfurt 2012, S. 262
14 Rubrikenbuch der Katholisch-apostolischen Gemeinde (zitiert aus einer Abschrift von Peter Sgotzai)
15 ein Wechselgesang im Gottesdienst zwischen Chor/Solisten und Gemeinde
16 a.a.O.(Zitat Abschrift Peter Sgotzai)
17 Die Liturgie. Andachtsbuch zum Gebrauch bei allen Gottesdiensten der christlichen Kirche, Hamburg, 1864, S. 214
18 vgl. Korthals, a.a. Ort, S. 10
19 Gesangbuch der NAK, Überblick zur Gesangbuchgeschichte (Nachwort),Frankfurt, 2006
20 Apostolisches Gesangbuch, 4. Auflage 1904, Vorwort (zitiert nach Hermann Ober, Entstehung und Entwicklung des Gesangbuchs der Neuapostolischen Kirche, Königstein, 1998)
21 vgl. dazu die Ausführungen auf S. 2
22 Apostolisches Gesangbuch, Ausgabe 1906, Nr. 517
23 Chorbuch der NAK, Lied Nr. 197
24 zitiert nach: Korthals, a.a.O., S. 24
25 aus: Begleitwort zur neuen Ausgabe des Neuapostolischen Gesangbuchs, Vorwort zur Textausgabe 1909, S. III f.
26 Neuapostolisches Gesangbuch (Notenausgabe), unveränderte 5. Auflage für gemischten Chor, Leipzig, 1921, Begleitwort
27 Korthals, a.a.O., S. 25
28 Neuapostolisches Gesangbuch 1910, a.a.O., S. 884 ff.
29 Hinweise dazu bei Korthals, a.a.O. S. 31
30 zitiert nach Korthals, a.a.O., S. 32
31 siehe Deckblatt und Vorwort zum „Melodienbuch“, das 2005 von den Orgelbänden I und II zum Gesangbuch abgelöst wurde
32 Vers eines Kirchenlieds von Walter Börner (1909–1976)