Zur Geschichte des Gesangbuchs der Neuapostolischen Kirche

Ein Rückblick
Nur spärlich sind die Hinweise zum Gemeinde- und Chorgesang in den Gottesdiensten während der Anfangszeit der Neuapostolischen Kirche. Protokolle damaliger Apostelversammlungen gibt es nicht. Es fehlen auch konkrete Hinweise darauf, wer die Gesangbücher im vorletzten Jahrhundert zusammengestellt und bearbeitet hat.

Das erste bekannte Andachtsbuch von 1864, das Apostel Louis Stechmann vertrieb, enthält ein Weihegebet für Sänger und Organisten. Darin ist von Dienern und Dienerinnen die Rede, die mit geistlichen Liedern, Psalmen und Lobgesängen Gottes Namen ehren und die Gemeinde erbauen sollen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass schon damals Gesang im Gottesdienst gepflegt wurde. Auch im Buch "100 Jahre Neuapostolische Kirche Hamburg" (1963) und in einigen Gemeindechroniken wird über Chöre und Blasorchester berichtet, die schon ausgangs des 19. Jahrhunderts bestanden.

Erste Liedersammlung
Das erste eigene Buch, in dem Lieder abgedruckt waren, tauchte - wie erwähnt - 1864 in Hamburg auf. Die Vermutung liegt nahe, dass es von Apostel Stechmann (1837-1911) mit nur wenigen Eingriffen aus der alten Ordnung übernommen wurde. Es nannte sich "Die Liturgie - Andachtsbuch zum Gebrauch bei allen Gottesdiensten der christlichen Kirche", Hamburg 1864, Druck von Ackermann und Wulff, zu beziehen durch Louis Stechmann in Hamburg.

Dieses Andachtsbuch ist kein Gesangbuch im eigentlichen Sinne. Es enthält auf 25 Seiten Bibellektionen für die täglichen Gottesdienste. Auf weiteren 291 Seiten werden genaue Angaben über den Verlauf von Gottesdiensten zu allen denkbaren Gelegenheiten gemacht. Den letzten Teil des Buches bilden "Der Psalter nebst einem Verzeichnis der beweglichen Festtage" und zwei "Psalmen-Tabellen". Aus dem Datum des Titelblattes: Hamburg 1863 geht hervor, dass "Der Psalter" der ältere Teil des Liturgie-Buches ist. "Der Psalter" umfasst alle 150 Psalmen, die für den Gemeindegesang eingerichtet wurden. Allerdings bleibt unklar, wie diese Psalmen vorgetragen werden sollten.

Andachtsbuch
Ein neues Buch "Die Liturgie" mit dem Untertitel "Andachtsbuch zum Gebrauch bei allen Gottesdiensten der apostolischen Gemeinschaft" erschien ohne Jahresangabe. Es war zu beziehen durch Friedrich Wachmann, Hamburg-Borgfelde. Es ist anzunehmen, dass Apostel Wachmann selbst dieses Andachtsbuch zusammengestellt und herausgegeben hat.

Im ersten Teil des Buches sind 32 Lieder enthalten, die den Bedarf eines normalen Gottesdienstes decken. Die meisten dieser Lieder stammen aus dem evangelischen Liedgut und werden nach den bekannten Choralmelodien gesungen. Dazwischen sind liturgische Gesänge abgedruckt und immer wieder kurze Anweisungen für den Dienstleitenden. Weitere Lieder sind für die Festtage Advent bis Pfingsten vorgesehen. Wieder sind es bekannte Texte und Melodien. Im zweiten Teil des Andachtsbuches werden zu den jeweils drei Liedern zur Taufe, Konfirmation und Trauung wieder Anleitungen zur Durchführung dieser Handlungen gegeben. Die weiteren Lieder des zweiten Teils werden zwar als "Lob- und Danklieder" ausgewiesen, es sind aber auch Lieder anderen Inhalts zu finden. Erst im dritten Teil, dem Anhang, tauchen Lieder der freikirchlichen Gemeinschaften auf.

Apostolisches Gesangbuch
Nicht mehr "Die Liturgie", sondern "Apostolisches Gesangbuch nebst einer kurzen Anleitung für den Gottesdienst" nannte sich die Liedersammlung, die Apostel Wilhelm Sebastian (1846-1912) herausgab. Es ist kein Erscheinungsjahr angegeben. Aus einer Anzeige in der Monatszeitschrift "Wächterstimmen aus Ephraim", 6. Jahrgang, Nr. 57, Mai 1900, lässt sich aber ein Erscheinen um oder vor 1900 ableiten.

Dieses Gesangbuch enthält wesentlich mehr Lieder, nämlich 390, und wurde 1900 um einen Anhang von 131 Liedern erweitert. Die Lieder sind größtenteils anderer Art als die im Gesangbuch von Apostel Wachmann. Choräle und choralähnliche Lieder werden verdrängt vom Liedgut der Erweckungsbewegung und der freikirchlichen Gemeinschaften. Texte und Melodien werden aus deren Liedersammlungen übernommen. Sieht man sich die Texte der Gesangbuchlieder näher an, fällt auf, wie derb und unbekümmert man Textinhalte und Worte wählte. Die theologische Aussage muss man am damaligen Erkenntnisstand messen. Unüberhörbare Kampfstimmung schwingt in vielen Liedern mit.

Erste Notenausgabe
1900 erschien zur Textausgabe dieses Gesangbuches die erste Notenausgabe. Sie enthält 522 Lieder, also ein Lied mehr als die Textausgabe. Lied Nr. 522 "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird" ist ein reines Chorlied, also eines, das nicht für den Gemeindegesang gedacht war.

Neuapostolisches Gesangbuch "1925"
Inhalt und Aufmachung dieses Gesangbuches konnten auf Dauer nicht befriedigen. So wurde in der Apostelversammlung am 27. Juli 1908 die Herausgabe eines neuen Gemeindegesangbuches beschlossen. Neben der Textausgabe, die im September 1909 mit 645 Liedern erschien, stand ab September/Oktober 1910 eine Chorausgabe mit zusätzlich 55 Liedern und 13 "liturgischen Gesängen" zur Verfügung. Zudem gab es ein "Melodienbuch" zum Gebrauch für Chordirigenten, Orgel- und Harmoniumspieler, wobei - bis auf wenige Ausnahmen - nicht umgeblättert zu werden brauchte. Das Neuapostolische Gesangbuch von 1908 wurde sowohl in der Textausgabe als auch in der Notenausgabe mit aufschlussreichen Begleitworten (Vorworten) versehen. In beiden Ausgaben sind die Lieder schon geordnet wie im aktuellen Gesangbuch, nämlich in drei Sachgebiete: "A. Zu den Festzeiten, B. Gottesdienst, C. Gnadenmittel, Allgemeines." Für dieses Gemeindegesangbuch liegt kein genaues Datum der Beschlussfassung einer Apostelversammlung vor. Das Jahr 1925 wird als Erscheinungsjahr angegeben. Es enthielt 652 Lieder.

Als Ausgaben wurden angeboten: Die Textausgabe, sie erschien 1925; die Notenausgabe für gemischten Chor (kleine und große) und das Melodienbuch zum Gebrauch für Chordirigenten, Orgel- und Harmoniumspieler erschienen Mitte 1926. Aus der Ausgabe 1908 wurden 396 Lieder übernommen, die auch fast alle unter der gleichen Nummer ihren Platz behalten haben. Neue Lieder stammen vorwiegend aus dem evangelischen Gesangbuch des Fürstentums Minden und der Grafschaft Rafensberg (Ausgabe 1893) und dem Gesangbuch für die evangelisch-christlichen Einwohner des Herzogtums Nassau. Etwa 25 Lieder stammen von neuapostolischen Autoren. Aber auch Lieder anderer Glaubensgemeinschaften wurden aufgenommen. Auch wurde vereinzelt wieder auf Lieder des Apostolischen Gesangbuches von Apostel Sebastian zurückgegriffen, die im Gesangbuch von 1908 nicht enthalten waren. Wie bei allen Vorläufern unseres heutigen Gesangbuches wurden auch hier die Texte teils recht kräftig gegenüber den Originaltexten geändert, um sie im apostolischen Sinne brauchbar zu machen. Manche Strophen wurden aus Originaltexten herausgenommen und zu neuen Liedern zusammengestellt. 396 Lieder werden aus dem Gesangbuch von 1910 übernommen. Die anderen Lieder finden sich zum größten Teil in zeitgenössischen evangelischen Gesangbüchern. Da häufig die Quellenangaben fehlen, ist eine eindeutige Zuordnung kaum möglich. Dieses Gesangbuch bleibt 80 Jahre lang in Gebrauch und wird im Laufe der Jahrzehnte in viele Sprachen übersetzt.

Das Gesangbuch 2005
In den fünfziger Jahren gibt es Ansätze zu einer Gesangbuchrevision. Zu Beginn der achtziger Jahre regt die Kirchenleitung an, der großen Bedeutung des gemeinsamen Singens im Gottesdienst mit neuen Liedern Rechnung zu tragen. 1991 beginnt die Projektgruppe Musik mit der Sichtung und Bewertung aller Lieder des Gesangbuches. 1998 gründet Stammapostel Richard Fehr schließlich die Projektgruppe Gesangbuch, die auf der Grundlage der umfangreichen und sorgfältig erarbeiteten Analysen die Revision und Neustrukturierung des Gesangbuchs vornimmt. In enger Abstimmung mit dem Stammapostel und den Bezirksaposteln werden bis zum Ende des Jahres 2003 Inhalt und Form des neuen Gesangbuches festgelegt. Es repräsentiert mit seinen 438 Liedern die wichtigsten Epochen des geistlichen Liedschaffens. Dabei wird die Tradition unseres Singens auch in diesem Gesangbuch dokumentiert. Wie seine Vorgänger bleibt es dem Vertrauten und Bewährten verpflichtet. Um Einseitigkeiten zu vermeiden und wichtige Impulse zu setzen, wurden etwa 90 neue Lieder aufgenommen und – soweit möglich – Melodien und Texte auf ihre ursprüngliche Gestalt zurückgeführt. Bearbeitungen von Melodien und Texten sind grundsätzlich dokumentiert. Geringfügige Bearbeitungen, die in den genannten Fachgruppen gemeinsam vorgenommen wurden, sind aber nicht gesondert ausgewiesen.

Das Gesangbuch liegt in zwei Ausgaben vor: Das „Gesangbuch der Neuapostolischen Kirche“ enthält die Melodien und Texte aller Lieder. Das „Gesangbuch der Neuapostolischen Kirche, Ausgabe mit vierstimmigen Sätzen“ enthält darüber hinaus zu einem Großteil der Lieder auch vierstimmige Chorsätze. Ergänzt werden beide Ausgaben durch ein zweibändiges Orgelbuch, das zu jeder Melodie zwei Intonationen (Vorspiele), einen vierstimmigen Orgelsatz und bis auf wenige Ausnahmen einen dreistimmigen Orgelsatz manualiter bereithält.

Thematische Gliederung des Gesangbuchs
Innerhalb der Rubriken sind die Lieder nach der Entstehungszeit der Texte angeordnet, soweit diese bekannt ist. Der Hauptabschnitt Das geistliche Jahr folgt dem Ablauf des Kirchenjahrs und vollzieht die christlichen Feste im Verlauf des göttlichen Heilsplans nach. Die Rubrik Advent enthält nur solche Lieder, welche die Weihnachtserwartung – das Kommen des Erlösers – zum Inhalt haben. Lieder, die den Advent im Sinne der Erwartung des wiederkommenden Herrn deuten, sind in der Rubrik Verheißung – Erwartung – Erfüllung enthalten.

Im Hauptabschnitt Gottesdienst folgen die Lieder dem gottesdienstlichen Ablauf und seinen liturgischen Elementen. Er ist mit 185 Liedern der umfangreichste Teil des Gesangbuchs und betont so den Gottesdienst als unverzichtbares Element des christlichen Lebens.

Der Hauptabschnitt Sakramente ist dreigeteilt (Heilige Taufe, Heiliges Abendmahl, Heilige Versiegelung). Lieder zum Thema Abendmahl finden sich nicht nur in dieser Rubrik, sondern auch in den Rubriken Vergebung – Gnade sowie Lob – Dank – Anbetung (siehe auch Hinweise bei den Inhaltsverzeichnissen).

Der Hauptabschnitt Segenshandlungen gliedert sich in zwei Rubriken: Konfirmation und Trauung. Geeignete Lieder anlässlich eines kirchlichen Segens zu Hochzeitsjubiläen finden sich zum Beispiel in den Rubriken Lob – Dank – Anbetung und Gottes Liebe – Nächstenliebe.

Die Lieder des Hauptabschnitts Den Glauben leben eignen sich zunächst für den Gottesdienst, sind aber zugleich Teil eines Gesangbuchs, das auch ein Hausbuch sein will für den gelebten, persönlichen Glauben im Alltag. In manchen Lebenslagen können Liedtexte eine Hilfe sein: Sie geben Trost und Kraft im Leiden, in Not und Sorge. Sie zeigen Wege auf oder regen zum Innehalten und Nachdenken an. In der Rubrik Morgen und Abend sind nur solche Lieder zu finden, die inhaltlich eindeutig in den Tageskreis gehören. Weitere Lieder zu diesem Thema finden sich in anderen Rubriken (siehe auch Hinweise bei den Inhaltsverzeichnissen). Die Lieder dieser Rubrik bieten sich zur Verwendung im Gottesdienst an, begleiten aber auch den Einzelnen in seinem persönlichen Tageskreis. Die beiden letzten Rubriken Verheißung – Erwartung – Erfüllung und Sterben – Ewiges Leben ersetzen die früheren Rubriken Ewigkeit – Herrlichkeit und Am Grabe – Gedächtnis der Entschlafenen. Die Neubenennung ist zugleich inhaltliche Akzentsetzung; die Wiederkunft Christi und das ewige Leben bilden nun den Schwerpunkt. So schließt sich der Kreis: Die Lieder zu den kirchlichen Feier- und Festtagen repräsentieren den bereits vergangenen Teil des göttlichen Heilsplanes, die Lieder zu Gottesdienst und Sakramenten zeigen auf, wie Gott seinen Kindern gegenwärtig Heil zukommen lässt. Mit der Zukunftshoffnung auf die Vollendung des Werkes Gottes schließt das Gesangbuch.

Autor: Eberhard Koch / Projektgruppe Gesangbuch 2005